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Workshop
der LEICA Akademie
Ralph
Gibson in Berlin
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Text
und Fotos: © Mark Brandenburgh, August 2001 (PHOTO Technik International,
1/2002)
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Akt-, Portrait- &
Streetphotography
Workshop der LEICA Akademie
in Berlin
10. bis 12. August 2001 |
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| Die Seminare der LEICA Akademie sind
in der Regel schnell ausge- bucht. So auch die erstmals abgehaltenen Workshop
in Berlin mit internationalen Spitzenfotografen wie Claus Björn Larsen,
Ralph Gibson und Nomi Baumgartl. Mark Brandenburgh hatte Gelegenheit Ralph
Gibson über die Schulter zu schauen. |
| „Am Ende dieses Workshops
sind sie geschlaucht. Sechs Monate nach diesem Workshop wird die konkrete
Bedeutung an die Oberfläche sickern“ waren einer der ersten Aussagen
die Ralph Gibson in Berlin von sich gab. Dabei ging es bei den vermittelten
Inhalten auch um die eigene Positionsbestimmung, die jeder einzelne Fotograf
für sich selber vornehmen sollte. Drei Fragen stellt sich Ralph Gibson
jeden Tag: Wo stehe ich als Fotograf? Was möchte ich als Fotograf
erreichen? Und: Was steht mir in meinem Weg? Ralph Gibsons weltweiter Erfolg
kann neben seiner ausdrucks- starken Bildsprache also auch durch seine
lineare Zielstrebigkeit erklärt werden. Mit den ersten beiden Fragen
zieht er eine Linie um alle auf ihr befindlichen Schwierigkeiten aus dem
Weg zu räumen. Die Fragen nach dem Sein oder Nichtsein des Fotografen
brachte Gibson ebenfalls direkt auf den Punkt: „Wichtiger als die Frage
wie wir fotografieren ist die Frage was wir fotografieren. Erst danach
stellt sich die Frage nach der optimalen Kameraposition“. Obwohl nach eigener
Aussage nicht er seine Fotos und seine Projekte sondern diese Ihn finden,
glaubt Ralph Gibson an die Intelligenz und die
Klarheit des erfolgreichen Fotografen. Gibson versteht Kunst als Choreographie
und gute Choreographie als die ästhetische Durchkreuzung eines Raumes
mit Linien. Ähnlich wie ein Tänzer den Bühnenraum durchkreuzt,
teilt der Fotograf seine Negativfläche mit der Anordnung von Linien
in Teilflächen auf. Dabei unterscheidet er kreative Gestaltungsvorgänge
prinzipiell in additive oder subtraktive Prozeße ein und verdeutlichte
es direkt an zwei Beispielen: beim Beschreiben eines leeren Blattes wird
die Papierfläche Zeile um Zeile in einem additiven Prozeß aufgefüllt.
Ein Bildhauer dagegen entfernt solange aus einem monolithischen Block Stücke
bis er seine Skulptur durch einen subtraktiven Prozeß „freigelegt“
hat. Ralph Gibson findet zu seinen Fotos durch einen subtraktiven Prozeß.
Er entfernt stets alle unwesentlichen und störenden Elemente aus dem
Motivraum. Sein Ziel sind Fotos großer Abstraktion. Fotos die er
noch nie gemacht hat. Seine Methode ist verblüffend einfach wie wirkungsvoll:
„Wenn sie glauben ein Bild im Sucher zu sehen, dann gehen sie nochmal mindestens
einen Schritt näher an das Motiv heran bevor sie auslösen. Das
ist einer der meist begangenen Fehler. Gehen Sie näher heran!“ |
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Während seines
Workshops kommentierte Ralph Gibson einige Fotos der Ausstellung
"Magic Moments II". Das
Foto "Black Swan" von Luis Castañeda gefiel ihm sehr.
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"Black Swan"
(Magic Moments II)
von Luis Castañeda,
1990.
(Veröffentlichung
andieser Stelle mit freundlicher Genehmigung von
Luis Castañeda.)
Magic
Moment II
(PDF
- 56 kB)
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Foto:
"Black Swan" © Luis Castañeda, 1990
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| Ralph Gibson ist ein
Star unter den Fotografen. Seine Fotos wirken magisch wie seine hellblau
leuchtenden Augen. Mit der Fotografie ist er zufällig in den Jahren
1956-60 in der US Navy in Kontakt gekommen, studierte anschließend
am San Francisco Art Institute (1960-62), wurde Assistent von Dorthea Lange
(1961-62) und später Robert Frank (1967-68). Am Anfang seiner Karriere
wollte Gibson Fotojournalist werden. Seine Fotos aus dieser Zeit weisen
einen journalistischen Stil auf, sie haben den ‘editorial look’ wie Gibson
sagte. Später wollte Gibson mehr von sich selbst in das Foto einbringen.
Er wandelte sich zum Fotoästheten. Heute sind seine Fotos von über
200 öffentlichen Sammlungen auf der ganzen Welt angekauft worden.
Er hat eine Vielzahl von Büchern veröffentlicht. Er ist 1997
mit dem Doctor of Fine Arts von der Ohio Wesleyan Universität und
mit vielfältigen, anderen Auszeichnungen geehrt worden. Ralph
Gibson sieht in dem Werk eines Fotografen das Spiegelbild seines Intellektes.
Großartigen Fotografien lägen immer großartige Ideen
zugrunde und enständen aus Reihe von richtigen Entscheidungen. Der
Fotograf müsse daher eine vektorielle Vorstellung, ein ‘point-of-departure’,
von dem haben was er mit seiner Kamera einzufangen versucht. |
| Gibson forderte die Kursteilnehmer
auf sich mutig einem kreativern Projekt zu stellen: „Egal wie weit sie
mit ihrem Projekt kommen werden, es wird immer weiter sein als wenn sie
mit dem Projekt niemals begonnen hätten. Jeder erfolgreiche Fotograf
hat mindestens ein bedeutendes Hauptwerk, ein ‘major body of work’, geschaffen“.
Ralph Gibson hat seit 1966 insgesammt 28 Bücher veröffentlicht.
Zuletzt „Ex Libris“ und "Deus Ex Machina“. In Berlin stellte er gleich
zwei noch nicht abgeschlossene Buchprojekte vor. In „Ich bin die Nacht“
wird er stimmungsvolle Schwarzweißfotos präsentieren die hauptsächlich
dem Berliner Nachtleben entspringen. Desweiteren arbeitet der gitarrenspielende
Fotograf auch an einem Buch, mit dem er seine Freude an den Formen
und den Farben von Gitarren dokumentieren wird. |
| Ralph Gibson ist ein
Perfektionist. Er überlässt nichts dem Zufall und er kontrolliert
alle Schritte selbst. „Ich übernehme die totale Kontrolle. Ich entscheide
was und wie ich fotografiere und was ich mit den Fotos mache. Was ich mache,
mache ich ausschließlich zur Befriedigung meiner selbst.“ Gibson
muß für seinen kreativen Schöpfungsprozeß im Dialog
mit den Materialen stehen. Also entwickelt er seine Fuji Neopanfilme und
vergrößert die Negative nach seinen Vorstellungen in seinem
eigenem Labor auf festgraduierten Ilford Barytpapier. Ausschnittvergrößerungen
lehnt er ab. Lediglich das Abwedeln und das Nachbelichten gesteht er sich
zu. Gibson liebt es grafisch, abstrakt und kontrastreich. Einer harten
Abbruchkante gleichend, konfrontiert er gerne die Lichter mit dem fast
strukturlosen Schwarz. Hierdurch ensteht eine abstrakte Darstellung, die
auch die Reduktion auf das Wesentliche bewirkt. Nicht selten legt er den
Fokus bei geringer Tiefenschärfe auf Bildstellen wo er vom Betrachter
nicht erwartet wird. Es ist kein Zufall, daß seine Fotos eine ungewöhnliche
strenge Bildkomposition aufweisen. Seine Fähigkeit, die Dinge so zu
betrachten als ob er sie nie zuvor gesehen hätte. Fast so, als ob
ein Außerirdischer sie auf der Erde vergessen hätte. Die Natur
der Dinge zu ergründen ist die Eigenart die ihm ein Fotos vom „Nichts“
machen läßt, das dennoch stark im Ausdruck ist. |
| „Ich habe ein langes
Verhältnis zu der Leica, seit etwa 40 Jahren. Es sind mit keiner anderen
Kamera der Welt so viele bedeutende Fotos geschossen worden wie mit der
Leica-M“ sagte Gibson über die Kultkamera. Schon früh wußte
er, daß er nur mit der Leica-M und mit keiner anderen Kamera der
Welt arbeiten wollte. Am Anfang seiner Karriere hat er sich eine LEICA-M
gemietet und hierfür ein Drittel seines Einkommens aufgewendet. Ralph
Gibson hat in unendlich vielen Trockenübungen die blinde Kamera- handhabung
zur Perfektion getrieben. Zur Demonstration seiner Geschicklichkeit ließ
er sich von den Kursteilnhemern eine Blende, eine Verschlußzeit und
eine Entfernung nennen, die er ohne auf die Kamera zu blicken auf seine
titanisierte Leica-M übertrug. Eine blinde Handhabung der Kamera,
so erklärte Gibson dem Publikum während er gleichzeitig den Film
in seiner Kamera blind auswechselte, sei sehr wichtig da andernfalls der
Fotograf den Überblick über die Situtation verliert oder der
Augenkontakt zwischen dem Fotografen und einer von Ihm zu portraitierenden
Person verloren geht. „Halten sie die LEICA M6 zärtlich weich. Versuchen
Sie lediglich die Gravitation aufzuheben. Von dieser Kamerahaltung leitet
sich ihre schnelle Handhabung ab. Diese Handhabung ermöglicht aber
auch einfühlsame Schmetterling-Portraits“. |
| Neben den fotophilosophischen
Lerninhalten wurden den Teilnhemern auch ganz konkrete Praxistipps zu den
Themenbereichen Porträt-, Akt- und Streetphotography vermittelt. Den
15 Teilnehmern standen mehrere Portrait- und Aktmodels zur Verfügung.
Als dann gleich vier Aktmodels im Eva-Kostüm erstmalig den Seminarraum
betraten und Ralph Gibson ein wenig später den Teilnhemern die unterschiedliche
Körpermerkmale durch Gegenüber- stellung der einzelnen Models
erklärte, ging ein Klickgewitter durch den Raum. Fast so, als ob sich
die allgemeine Erwartungshaltung am Kamaraauslöser entlud. Gibson
demonstrierte an den Models wie ihre Gesichts- und Körperformen sich
in Körperhaltung wiederspiegeln lassen. Sein Prinzip kann mit den
Begriffen ‘positiver’ (dem Körper) und ‘negativer Raum’ (die Lücke
zwischen Körperteilen eines oder verschiedener Models) erklärt
werden: er läßt enfach beide Räume die gleiche Form annehmen.
„Jede Aktaufnahme ist ein Lichtereignis. Das Licht muß immer etwas
besonders sein“ sprach Ralph Gibson und setzte es im Ausstellungsraum der
hochkarätigen Fotoausstellung „Magic Moments II“ in die Praxis um.
Als besondere Licht gnügte Ralph Gibson zum Beispiel das durch schneeweiße
Gardienen fallende Tageslicht. Die Gardienen nutzte er zugleich zur teilweisen
Verhüllung der Models und er demonstrierte wie unter Zuhilfenahme
einer einfachen Serviette die Körperhaltung der Models verändert
werden kann, wenn das Model aufgefordert wird die Serviette am angewinkelten
Arm zu halten. Gibson ließ die Models im Foyer der Landesvertretung
auf- und abgehen um dynamische Aufnahmen zu ermöglichen, oder er arrangierte
die Models für statische Fotos in verschiedenen Posen. Hierbei achtete
er immer darauf, daß keine Lücken zwischen den Körpern
der Models entstanden. |
| Ralph Gibson drehte das
Gesicht eines Porträtmodels von der Frontalansicht ins Profil und
wieder zurück bis die Spitze der Nase gerade an der Wangenlinie stieß.
Dieser Blickwinkel auf ein Gesicht sei immer eine Faustformel um sich an
Porträtfotos heranzutasten. Es ginge darum, die besten Eigenschaften
eines Gesichtes zu betonen. Die Ohren läßt Gibson gerne im Haar
verschwinden. Nachdem er ein Porträtmodel arrangiert hatte, sagte
Gibson „Jetzt bringen wir das Gerhirn ins Gesicht“, stellte dem Model eine
Rechenaufgabe. Der Gesichtsausdrukc des Models änderte sich schlagartig.
Gibson stellte fest, daß eine Brennweite von 90 mm sehr gut für
Männerporträts geeignet sind. Die weiblichen Models des Workshop
porträtierte Gibson jedoch mit kürzeren Brennweiten. |
| Die Natur des Genre ‘Streetphotography’
drückte Gibson mit den Worten „Die Straße ist ein Dschungel.
In ihm seid ihr auf Euch selbst gestellt“ aus. Für Gespräche
mit den Menschen, die unverhofft zum Model werden, empfahl Gibson eine
Wortwahl die in sich impliziert, daß der Fotograf keine unlauteren
Absichten verfolgen wird und somit keine Unangenehmlichkeiten für
sie zu erwarten wären. |
| Fazit: mit diesem Workshop
ist der Leica Akademie ein Novum gelungen, bei dem man Einblicke in die
praktische Arbeitsweise eines international erfolgreichen Spitzenfotografen
gewinnen konnten und fotophilosophische Denkanstöße erhielt,
die zur eigenen Standortbestimmung wertvoll sind. Gibson hat nicht zuviel
versprochen, am Ende des Workshops waren allte Teilnehmer geschlaucht,
aber auch glücklich und zutiefst beeindruckt. Die Workshoptage waren
magischer Natur. Ein Kursteilnehmer sagte: „ich weiss noch nicht genau
was, aber mit mir ist irgendetwas passiert. Ich bin jetzt anders“ |
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Gruppenfoto
der Workshopteilnehmer,
Foto:
Michael Agel, Referent der LEICA Akademie
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Eine
Zusammenfassung dieses Berichtes ist veröffentlicht worden in:
PHOTO
Technik International
Ausgabe
1/2002, Januar / Februar 2002, S. 92-93
Text
und Fotos:
©
Mark Brandenburgh, August 2001 |
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